April 2001 - 6.Ausgabe - Seite 2 |
Schnee, Regen, Polarwind
von windbride
| Prolog
Wenn es einmal vorkommt, dass ein Arbeitnehmer, der das ganze Jahr schwer und unermüdlich arbeitet, ein paar Tage frei hat, dann überlegt er sich, wie er diese Tage denn am besten verbringen kann. Das
tat ich auch und war auch erfolgreich mit meinen Überlegungen!
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| Es
war klar, das es in den Norden gehen sollte,
es war klar, dass es an die See gehen sollte und es war klar, dass ich segeln wollte! Klar
war auch, dass eine Freundin mitkommen wollte und sich dann noch
eine andere dazu gesellte, wobei die Erste dann doch wegen der zweiten
Freundin absagte und wir dann doch nur zu zweit wSren.
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Es
war allerdings
nicht klar, dass dieses Osterfest das mit Abstand kälteste sein würde, das es in den letzten Jahrzehnten gegeben hat! Es war auch nicht klar, dass unser Schiff "Stortemelk" mit einem Motorschaden noch einen Tag länger in Kiel liegen würde und es war auch nicht klar, dass wir für einen Tag einen Ersatz bekommen würden! - und was für einen!! |
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"Ethel of Brixham" |
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Aber nun zu meiner Geschichte von Schnee, Regen und Polarwinden, erzählt von ebender "Ethel of Brixham" |
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| In
diesen Tagen sind meine Planken nicht mehr so frisch wie damals, als ich
im Jahre des Herrn 1890 im südenglischen Brixham auf Kiel gelegt wurde.
Meine Segel sind nicht mehr so weiß und meine Aufgabe ist heute eine andere als vor 112 Jahren, denn ich bin zu alt und zu klein für schnelle Fischfangfahrten zwischen Nordmeer und Biskaya. |
Es trug sich nun zu, dass die gute, alte Stortemelk eine kleine Magenverstimmung hatte und die zahlenden Gäste an Bord, noch einen Tag länger in Kiel auf ihr Segelabenteuer warten mussten. Na ja, selbst ein solch erfahrener Kahn wie die Stortemelk wird auch mal krank. Also bot sich mein Skipper an eine Tagesfahrt mit mir und den Gästen der Stortemelk von Eckernförde nach Kiel zu unternehmen. |
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| Aber
mir geht es gut, ich werde geschrubbt, bekomme hier und da einen neuen
Anstrich und darf im Winter im kuscheligen Hafen von Eckernförde liegen.
Im Frühjahr kommen dann Gäste an Bord, die meinen schönen 30m langen Rumpf und meine alten Planken bewundern, meinem Kaptain ne Menge Fragen über meine Geschichte stellen und ich bin stolz darauf den Landratten ein paar Tage Segelerlebnis bieten zu dürfen! |
Aber was war mit meinem Anstrich, ich war ja praktisch nackt und ohne Schutz vor Wind und Kälte! Böse verzog ich den Bug meines Rumpfes und entschied mich dazu gar keine Lust zum rausfahren zu haben! Sollten diese doofen Touristen doch noch ne Runde in`s Hallenbad gehen und mir meine wohlverdiente Ruhe lassen. Aber ich hatte noch einen Trumpf im Rumpf! |
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| Und
ich erinnere mich auch noch, als ob es Gestern war, an einen bitterkalten
Tag im April des Jahres 2001.
Ich sollte gerade meinen neuen Anstrich bekommen und mein Herr hatte schon damit begonnen, die alte Farbe von meinem Bug zu kratzen, als ein Anruf von dem Kapitän der * Stortemelk * unsere Ruhe störte. |
Es
war kalt, es war nass und es schneite!
"Ihr wollt segeln? Dann bitte kommt an Bord und macht es euch in meinem Bauch bei einer Tasse Kaffee gemütlich! Hehehe...!" dachte ich mir und ließ mich geduldig seefest machen! |
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Die
Bilder zeigen alle die echte Ethel of Brixham. Mehr darüber hier:
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| Und
da kamen sie auch schon! *Pruuust............
was, die wollen raus auf See? Hahah..... * mein Steuer verbog sich vor Lachen, als ich die bunt gemischte Mannschaft sah, eingepackt in drei Lagen dicke Wollpullis und jeder mit mindestens fünf Schal´s umwickelt! Unbeholfen quälte sich der armselige Haufen Leutchen an Bord und ging erst mal unter Deck in meinen kuscheligen Bauch, sahen sich alles an, streichelten hi und da meine Bordinnenwand , und dann sollte es los gehen! |
Doch
dann kamen meine Freunde zu Hilfe, die Untiefen an der Küste, sie
waren alle da und schoben mich von Unten noch einen Meter höher über
die Wellen!
"Jeahhhhh!" schrie ich, als ich mit aller Kraft wieder Bug vorwärts in die wellen eintauchte. Aber was war denn das, da verschwand ja jemand unter Deck. Vorsichtig folgte ich der rothaarigen Frau unter Deck sah´, dass sie sich verzweifelt am Ofen in der Kombüse festhielt und sowas sagte wie "Oh Gott, ich sterbe, ich kann nicht mehr, mir ist ja soooo übel, das hab´ ich ja noch nie erlebt!" |
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| Ich
schaute mir meine Passagiere nochmals genauer an, mit dem Wissen, das sie
in dieser Form nicht mehr meine Winterruhe stören würden.
Da war eine hübsche rothaarige Frau, die mit einer seltsamen, silbernen Kugel in der Unterlippe und mindestens 4 Schals, die zitternd an Deck stand. Daneben stand ein leicht ergrauter, pummeliger Mann, mit einem gelben, dünnen Anorak und rotgefrohrenen Wangen. Dann war da noch eine Frau, mit einem Stirnband und einer grünen, langen Jacke, die still und verschlossen an der Reling lehnte. |
"Bingo!" dachte ich und grinste mir einen, legte noch ein paar Knoten zu und gab der Guten im schwarzen Winddress den Rest! Die hangelte sich, die Hand vor dem Mund haltend in mein kuscheliges Bad, brachte es gerade noch fertig die Kloschüssel hoch zuklappen und dann verschwanden ihre hübschen langen, roten Locken in der Schüssel. "Jeahhhh!" freute ich mich und nahm mit Schwung die nächste Untiefe. |
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| Etwas
weiter hinten machte sich ein Elfjähriger daran mir mein Ruder zu
verdrehen und dessen Mutter, musste wohl seine Mutter sein, versuchte ihm
mit aller Kraft eine knall orangefarbene Schwimmweste anzudrehen.
Dann war da noch eine dicke Rothaarige, mit einer schwarzen, dünne Windjacke, die mit jedem Schritt meinen Korpus zum Schwanken brachte. Die anderen wuselten geschäftig auf meinem Deck herum und machten Leinen los, mit Kurs in die 9 Sturmstärken windige Ostsee.
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Als wir in die Kieler Förde einliefen, hatte ich die Touristenmannschaft auf 3 Tage auf See vorbereitet, denn der Wetterfrosch hatte mir verraten, dass es noch ein wenig rauher und noch kälter werden sollte. Das kälteste Osterwochenende seit Jahren eben. Zufrieden kuschelte ich mich an die Seite der Stortemelk und beobachtete, wie sich meine Gäste, dankbar wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, in das warme Innere des Schiffes verzogen, wo Käptain Mike, seine Leute mit heißer Schokolade und Rum begrüßte! |
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| Drei
Stunden auf und ab, von rechts nach links und das bei einer Schräglage
von 15 Grad, das sollte den Landratten als erste Eindruck wohl genügen,
und ich gab mir wirklich alle Mühe!
Nach etwa einer Stunde auf See waren schon ziemlich grünliche Gesichter an Deck zu erkennen, ganz besonders das von der Dicken, die sich mit leicht verdrehten Augen den Allerwertesten auf meinen altehrwürdigen Planken abfror! |
Aber
der Hit war, dass sich die dicke Rothaarige schnurstracks in ihre Kabine
begab um sich ihre Füße mit dem Fön wieder aufzutauen!
"Lach!"
ja, eine Seefahrt, die ist eben lustig und die Moral von der Geschicht:
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